Jedes kleine bisschen

Es ist schon eine Weile her und doch beschäftigt es mich nach wie vor: Es war ein Sonntag Anfang April. Ich hatte meine Schwiegereltern zum Kaffee eingeladen. Wir saßen gemütlich bei Cappuccino und Himbeerschnitte als mein Schwiegervater von seinem Abendessen Tags zuvor zu schwärmen begann: frischem Spargelsalat. Ich verzog den Mund: abgesehen davon, dass ich Spargelsalat überhaupt nicht mag, störte ich mich (generell) daran, dass man Anfang April schon Spargel kaufen muss. Trotzdem gab ich mich halbwegs diplomatisch: „Wir essen noch keinen Spargel. Der hat noch nicht Saison.“ „Das war aber deutscher und der war lecker!“ antwortete mein Schwiegervater und um meine Selbstbeherrschung war es geschehen.

„Mal drüber nachgedacht, warum Du jetzt bei den Temperaturen jetzt schon Spargel aus Deutschland bekommst? Weil die Spargelbauern Fußbodenheizungen unter ihre Felder einbauen und Unmengen an Energie verblasen wird, nur weil ein paar …“ (ich hielt kurz inne) „… Leute es nicht abwarten können und bereits im März Spargel haben müssen!“
Stille am Kaffeetisch. Mein Ausbruch war mir unangenehm. Bis dann die Antwort kam. Gemurmelt zwar, aber dennoch gut verständlich. „Des stört mich nicht mehr. Die paar Jahre die ich noch hab…..“ Wäre es nicht mein Schwiegervater gewesen – ich wäre wirklich sehr laut und sehr unflätig geworden.

Genau dieses Einstellung ist schuld daran, dass es „da draußen“ so ist wie es ist: Was kümmert es mich wie es der Welt geht wenn ich nicht mehr da bin. Nach mir die Sintflut. Hauptsache ich habe noch frisches Wasser, einen vollen Kühlschrank und ein Fernsehprogramm das mich über den Tag bringt. Danach? Geht mich nix an. Interessiert mich nicht. Sollen doch die anderen gucken. Apropos die Anderen: die haben doch viel mehr Geld/Zeit/Einfluss als ich. Sollen die doch was machen. Was soll ich denn bewirken können. (Achtung: Ironie!)

Friday’s for Future!
Es ärgert mich, dass es unsere Generation nicht schafft etwas zu ändern. Wir alle steuern sehenden Auges auf eine globale Katastrophe zu. Und immer sind „die Anderen“ an allem Schuld!
Wir haben jegliche Technik und jegliches Wissen um gegen ALLE Umweltprobleme anzugehen. Und was tun wir? Nichts! Sobald die eigene Bequemlichkeit auch nur ein Mµ eingeschränkt wird, gehen wir auf die Barrikaden. Naturschutz? Sehr gerne! Solange ich deswegen auf nichts verzichten muss. Nachhaltigkeit? Natürlich. Aber nur zum Discountpreis. Und ja – ich nehme mich da nicht aus! Auch ich bin zu oft zu bequem, kaufe lieber „Normal“ statt „Bio“ und fahre oft auch kleine Strecken unnötigerweise mit dem Auto. Nicht gut! Da ist definitiv Luft „nach oben“.

Noch mehr allerdings beschämt mich die Tatsache, dass es ein 16jähriges, autistisches Mädchen braucht um uns allen einen Spiegel vorzuhalten. Natürlich ist mir klar, dass nicht alle demonstrierenden Schüler auch wirklich aus tatsächlichem Interesse am Klimaschutz mitziehen. Aber was sagt es über „die alte Generation“ aus, wenn auf die Forderung mehr für den Klimaschutz zu tun mit haarsträubenden Aussagen statt mit nützlichen Taten reagiert wird?

Da haben wir unseren FDP Christian. Der großkotzig von sich gibt, Schüler sollten den Klimawandel lieber den Profis überlassen. Lieber Herr Lindner: Das klappt ja auch gaaaaanz prima! Herzlichen Glückwunsch zu so viel Ignoranz und Blindheit! Noch schlimmer allerdings finde ich den baden-württembergischen Landesvater Winfried Kretschmann. (Übrigens seines Zeichens bei den Grünen….haha). Sagte der doch letztens: „Ziviler Ungehorsam ist ein symbolischer Akt. Das kann keine Dauerveranstaltung sein.“ Die Proteste müssten früher oder später ein Ende finden und könnten „nicht ewig so weitergehen“.
Fast Richtig, Herr Kretschmann! So ein Mist wie die aktuelle Klima- und Umweltpolitik – DAS kann WIRKLICH nicht ewig so weitergehen.

Ja, sicher geht die Welt nicht binnen Stunden unter. Der Planet stirbt nicht innerhalb der nächsten 70 Jahre. Aber er verändert sich. Gravierend. Und es ist nur eine Frage der Zeit bis das Leben auf unserem Planeten eher einer Dystopie denn einer Utopie ähnelt.
Laut einem Bericht der Vereinten Nationen zur Artenvielfalt sterben bis zu 130 Tier- und Pflanzenarten täglich aus. EINHUNDERTDREISSIG!
Pfffft – eine Mückenart im Amazonas interessiert mich doch nicht. Und Wildkraut? Mit Glyphosat geht’s zwar schneller, aber wenn das Zeug auch von alleine stirbt – umso besser, oder? (Wieder Ironie!)
Was die Wenigsten bedenken: Das Artensterben macht leider nicht an unseren Landesgrenzen halt. Auch hier werden die Tiere und Pflanzen (aus)sterben. Und plötzlich ist das Geschrei groß. „OMG! Da muss man doch was tun! Wer konnte sowas denn ahnen?“ ….

Wir alle! Wir alle ahnen es und doch tut kaum einer was. Das Gegenteil ist leider der Fall: Die FDP unterstützt Pläne, Frecking in Deutschland zuzulassen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat 2019 erneut 18 gesundheitlich hochbedenkliche Pflanzenschutzmittel (mind. 1 davon Bienentödlich) zugelassen und um den Ausstieg aus dem Kohleabbau wird geschachert wie um Großmutters Erbe. Und auch im Kleinen ist es nicht viel besser: Steingärten und Rasen-Einöden, Spargel- und Erdbeergenuss im Februar und zum Junggesellenabschied für einen Tag zum saufen nach Malle…..C02? Egal – die Anderen machen das doch auch……

Ich habe irgendwo folgende Aussage gefunden:
„Die Ursachen für das Artensterben und den Klimawandel sind vielfältig und doch lassen sie sich zu einem Bild zusammen fügen. Wir leben in einer Zeit der global organisierten Gier und einer Endzeit exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums im begrenzten System Erde und verwandeln die vielfältige Welt in eine große einheitliche Fabrik, in der zunehmend übersättigte Menschen immer unzufriedener werden.“

Das war nun ein sehr langer, sehr ernster Post mit viel Ironie und noch mehr Sarkasmus. Tut mir leid wenn ich mich hier öffentlich „ausgekotzt“ habe. Manchmal bin ich einfach so ….. genervt? Hilflos? Mutlos? Der nächste Post wird wieder nicht so „Schulmeisterhaft“. Versprochen.

Ich möchte mit einem Zitat einer sehr bekannten Liedzeile enden: „I’m starting with the man in the mirror. I’m asking him to change his ways“ Ich fange bei mir an: In meinem Kühlschrank, meinem Garten, meinem Leben. Denn auch wenn es unmöglich scheint: Jedes kleine Bisschen hilft.

Liebe Grüße,
Krümel

12 Antworten auf „Jedes kleine bisschen“

  1. Hörst Du meinen Applaus? Wir alle müssen täglich in den Spiegel schauen und uns solche Fragen stellen. Es ist zu einfach, nur auf die versagende Politik zu schauen. Bei jedem Einzelnen fängt es an und wenn es nur im Kleinen ist. Leider gibt es zu viele Menschen, die denken wie Dein Schwiepa – nach mir die Sintflut. Ich spare mir bei solchen Leuten die Diskussion, wenn ich weiß, das ich auf Granit beiße. Hoffnung habe ich bei denen, die nur unwissend durchs Leben stolpern und denen man nur ein wenig die Augen öffnen muss. Wobei man schon mächtig blind sein muss, bisher nichts zum Thema gelesen zu haben.
    Liebe Grüße
    Karen

  2. Toller Beitrag!!! Ich finde es auch wichtig, dass jeder bei sich beginnt. Jeder kann etwas ändern. Ich kaufe keine in Plastik verpackten Waren, Milch nur in Glasflaschen, kaufe saisonales Obst vom Bauern, pflanzen im Garten Sträucher, Bäume und Blumen für Insekten. Alles kleine Dinge, aber mit großer Wirkung, wie ich finde… Gern mehr solcher Beiträge 😉

  3. Du sprichst mir aus der Seele!!
    Ich bestärke meine Kinder darin, für ihre Zukunft auf die Straße zu gehen! Wenn ich dann Leute wie Herrn Lindner höre, werde ich dann schon latent aggressiv.
    Wir versuchen auch einige Lebensgewohnheiten umzustellen.
    Manches gelingt einfache, andere Dingen brauchen etwas Gewöhnungszeit.
    Danke für Deinen Post.
    Liebe Grüße
    Wiebke

  4. Vielen Dank für deinen Post, liebe Krümel. Du sprichst mir aus der Seele und ich finde es bemerkenswert, was Greta allein ins Rollen gebracht hat. Hoffentlich geht es weiter mit dem Umdenken bei allen Generationen. Viele Dinge versuche ich zu ändern, oft ist es nicht ganz einfach und es bedarf auf jeden Fall mehr Zeit. Aber neue Verhaltensweisen werden allmählich zur Gewohnheit. Jeder kann etwas tun was in seiner Verantwortung steht – eben auch Politiker und Wirtschaft – und in der Summe etwas bewirken. Man muss nur anfangen und nicht immer alles zerreden.
    Hab einen schönen Abend – lieben Gruß, Marita

  5. Oh, bei Leuten wie Deinem Schwiegervater könnte ich an die Decke gehen… ich könnte kot… vor solch einer Ignoranz.
    Leider kenne ich auch jede Menge Leute, die nicht viel besser sind.
    Meine Patentochter bestellt doch glatt zu Muttertag einen Blumenstrauß per Versand, obwohl im Ort ein Blumengeschäft ist.
    Aber dazu hätte man sich ja ins Auto oder Fahrrad setzen müssen und sich bewegen müssen.
    Als ich sie fragte, dass so ein Versand auch viel teurer ist und auch die Einzelhändler nicht unterstützt, vom Transport ganz zu schweigen, schaut sie mich an und lacht und meint, na und? Sie ist 19!!!! Und die Eltern sind nicht besser.
    Da könnte ich platzen.
    So, nun habe ich auch noch was dazugegeben, ich hoffe, ich habe meine Kinder besser erzogen…
    Ganz lieben Gruß und Dein Post ist einfach wie mir aus der Seele geschrieben.
    Nicole

  6. Das hast Du sehr gut beschrieben! Ich versuche zwar auch, Plastik zu sparen und bin dann immer wieder schockiert, wie viel wir trotzdem noch haben. Ich versuche, bewusster einzukaufen und ertappe mich dann doch bei einer gewissen Unvernunft. Aber, ich denke, das Wichtigste ist, dass wir uns das immer wieder bewusst machen und immer wieder unser Verhalten überdenken. Und ich bin davon überzeugt, jeder kleine Schritt zählt und ist wichtig!
    Viele Grüße von
    Margit

  7. Oh, bei so einem Gespräch hätte ich für nichts garantieren können… Die Politiker sind ja auch oft in einem Alter, wo sie denken, nach mir die Sintflut, Hauptsache, das Konto ist gut gefüllt. Und dann kommt sowas dabei raus…
    Tja, da kann man nur versuchen, im Kleinen das Richtige zu tun..
    VG
    Elke

    1. Hallo Krümel, dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich finde es auch immer wieder schlimm, wenn Leute nur an sich denken, anstatt sich zu fragen, welche Konsequenzen ihr Verhalten für die zukünftigen Generationen hat. Natürlich kann ich selbst auch nicht alle Vorsätze umsetzen, aber ich gebe mein bestes.
      Ich denke, es sollte irgendwann normal sein, die nachhaltigste Lösung auszuwählen und nicht die billigste oder bequemste. Ich bin gespannt, wann dieser gesellschaftliche Wandel einsetzt. Hoffentlich bald, sodass wir noch retten können was zu retten ist.
      Liebe Grüße,
      Amely

  8. Ich fange auch bei mir selbst an, in meinem Umfeld. Auf die große Politik warte ich nicht (mehr). Die tun sowieso nichts bis gar nichts und vielleicht mal was zum Augenwichen. Privat könnte man sehr viel machen und am meisten würde wohl der Verzicht helfen. Brauche ich einen Wäschetrockner? Oder muss ich in Urlaub fahren oder fliegen? Könnte ich die ein oder andere Strecke nicht auch mit dem Fahrrad bewältigen oder mit Bus und Bahn? Und wieviel von dem, was ich kaufe brauche ich auch wirklich? (Soviel Verzicht würde andererseits natürlich die Wirtschaft hart treffen, wenn es denn genügend Menschen täten…)
    Dein Post gefällt mir gut und ich finde ihn nicht zu lang. Irgendwann muss man sich entscheiden und verzichten.
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Woche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

  9. Standing ovations meine Liebe. Ja, das ist so. Mehr bleibt dazu nicht zu sagen, denn deine Worte sind perfekt. Ein wenig tröstet es mich, dass zu den handvoll Menschen, die versuchen umweltschonend zu Leben, immer wieder dann doch eine neue handvoll kommt. Ob das reicht, wird uns die Zukunft lehren.
    Liebste Grüße und eine schöne Zeit
    Elisabeth

  10. Ich habe tatsächlich aufgehört zu diskutieren, dumm ist der der dummes tut. Leute die darüber diskutieren, dass Fahrräder ja auch Feinstaub produzieren, dass öfiz fahren viel zu viel Zeit kostet und Sie viel lieber alle alleine in eigenen Auto im Berufsverkehr stehen . Man wird belächelt weil man kein Auto hat, kein Fleisch isst, im unverpackt Laden einkaufen geht. Niemand hat gesagt, dass es einfach ist. Ich bin gerne eine Ökorella und das trotz dessen dass ich „nur“ anderen Leuten Kinder die Welt zumindest ok übergeben möchte. Die Zeit die ich spare, das mor die meinung anderer am a… vorbei geht, steck ich einfach wieder in neue Ideen und Projekte.
    Also ein großes I feel you ! Von meiner Seite.
    ( Inhaberin des charmantesten Bienchenhotels mit Frühstück in Darmstadt und demnächst Besitzerin einer Wurmkiste…;-))

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